Warum wir beim Denkmalschutz lernen müssen, zwischen Bewahren und Loslassen zu unterscheiden
Jede Generation hinterlässt der nächsten nicht nur eine Welt, sondern auch ihre Denkmäler. Gebäude, Plätze, Gärten, Industrieanlagen, Brücken, Mahnmale – sie erzählen Geschichten davon, was Menschen vor uns wichtig fanden. Sie erinnern an Erfolge und Katastrophen, an Alltag und Ausnahmezustände, an technische Leistungen, an politische Macht, an Krieg und Frieden. Und mit jedem Jahr werden es mehr.
Ein aktueller Beitrag von n-tv über die Zukunft des Denkmalschutzes im Klimawandel hat mich deshalb an einen Gedanken erinnert, der mich schon länger beschäftigt: Denkmalschutz kann auf Dauer nicht einfach bedeuten, immer mehr zu bewahren. Denn irgendwann stellt sich zwangsläufig die Frage: Was wollen und können wir uns leisten – kulturell, gesellschaftlich, ökologisch und finanziell?
Was heute ein Denkmal ist, war gestern zunächst einmal Gegenwart. Die Menschen, die Gebäude errichteten, Plätze gestalteten oder technische Anlagen bauten, dachten vermutlich selten daran, dass ihre Werke hundert oder zweihundert Jahre später einmal unter Schutz gestellt werden könnten. Und auch wir schaffen ständig Dinge, die irgendwann Geschichte sein werden. Unsere Schulen, Rathäuser, Wohnsiedlungen, Kirchen, Industriegebäude, Brücken und Verkehrsanlagen. Vielleicht sogar manche Einkaufszentren oder Hochhäuser. Was uns heute selbstverständlich erscheint, kann für kommende Generationen ein Zeugnis unserer Zeit werden. Damit wächst unser kulturelles Erbe zwangsläufig.
Aber ein Erbe ist nicht nur ein Schatz. Ein Erbe kann auch eine Verpflichtung sein. Und diese Verpflichtungen müssen für die folgenden Generationen tragbar bleiben. Besonders interessant finde ich deshalb den Gedanken der Denkmalpflegerin Ingrid Scheurmann, den n-tv in seinem aktuellen Beitrag aufgreift: Ein Denkmal sei nichts Statisches. Wir müssten uns nicht nur fragen, was wir aus der Vergangenheit erhalten wollen, sondern auch, wie wir diese Dinge in eine Zukunft führen können, die über die nächsten Generationen hinausreicht. Das ist ein entscheidender Perspektivwechsel. Denn manchmal behandeln wir Denkmäler so, als müsse ein bestimmter Zustand für alle Ewigkeit konserviert werden. Aber Geschichte hat niemals so funktioniert.
weiterlesen →Autor Hermann Geusendam-Wode