Früher war die Rollenverteilung klar: Schulabgänger schrieben Bewerbungen – und Betriebe entschieden, wen sie nehmen.
Heute ist das vielerorts umgekehrt. In vielen Branchen herrscht Bewerbermangel, Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt. Junge Menschen haben häufig mehrere Optionen und wählen gezielt aus, wo sie ihre Ausbildung beginnen wollen.
Damit stehen Unternehmen vor einer neuen Frage: Womit überzeugt man junge Menschen wirklich?
Viele Unternehmen setzen in Stellenanzeigen auf sogenannte „Benefits“: Jobticket, Obstkorb, Fitnessstudio-Zuschuss oder Mitarbeiterrabatte. Doch Studien zeigen, dass diese Zusatzleistungen allein selten ausschlaggebend sind. Entscheidend ist für junge Bewerber vielmehr, wie die Ausbildung tatsächlich organisiert ist und welche Perspektiven sie bietet.
Die Stadtwerke Münster feiern in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen. Für viele Münsteranerinnen und Münsteraner sind sie selbstverständlich: Strom, Gas, Wasser, Busverkehr, Bäder oder Hafenentwicklung – vieles, was unseren Alltag prägt, hängt mit diesem kommunalen Unternehmen zusammen.
Doch der Fortbestand der Stadtwerke in kommunaler Hand war keineswegs immer selbstverständlich.
Ich erinere hier einmal an die Privatisierungsdebatte 2001/2002:
Anfang der 2000er Jahre stand Münster vor einer weitreichenden Entscheidung. Eine CDU/FDP Mehrheit im Rat beschloss im November 2001, bis zu 49 Prozent der Geschäftsanteile der Stadtwerke zu verkaufen – mit Ausnahme der Verkehrsbetriebe. Dahinter stand die Vorstellung, durch private Investoren kurzfristig Geld in die Stadtkasse zu bekommen.
Die SPD Münster stellte sich damals gemeinsam mit vielen engagierten Bürgerinnen und Bürgern entschieden gegen diesen Plan. Unsere Überzeugung war klar: Die Energie- und Wasserversorgung, zentrale Infrastruktur und kommunale Daseinsvorsorge gehören in öffentliche Hand.
Heute gehen in Münster Nachrichten durch die Redaktionen, die viele Menschen aufhorchen lassen: Die Rheinische Post Mediengruppe aus Düsseldorf will die Westfälische Medien Holding AG übernehmen. Zu ihr gehören unter anderem die Westfälische Nachrichten, die Münstersche Zeitung, das Westfalen-Blatt und weitere regionale Titel. Die Vereinbarung über den Kauf aller Aktien ist bereits geschlossen – jetzt muss noch das Bundeskartellamt zustimmen.
Sollte die Übernahme genehmigt werden, würde der Düsseldorfer Verlag wohl zur auflagenstärksten Zeitungsgruppe in Nordrhein-Westfalen aufsteigen.
Auf den ersten Blick klingt das nach einer üblichen Nachricht aus der Medienbranche. Aber für Städte wie Münster steht viel mehr auf dem Spiel.
Die heutigen 5,5 Prozent für die SPD bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg sind ein bitteres Ergebnis. Für viele Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten fühlt sich das wie ein politischer Tiefpunkt an. Auch ich will daran nichts schönreden.
Und trotzdem machen mich diese Zahlen nicht hoffnungslos. Im Gegenteil: Sie zwingen uns dazu, einige grundlegende Fragen ehrlich zu stellen – und genau darin kann auch eine Chance liegen. Denn die Probleme der Sozialdemokratie sind nicht einfach das Ergebnis eines schlechten Wahlkampfs oder einer einzelnen falschen Entscheidung. Sie haben viel mit tiefgreifenden Veränderungen unserer Gesellschaft zu tun.
Der Gender Pay Gap ist in Deutschland seit Jahren ein politisches Thema. Trotzdem bleibt eine zentrale Ursache erstaunlich oft unangetastet: Das Ehegattensplitting. Wer über Lohngleichheit spricht, darf über dieses Steuermodell nicht schweigen.
Eine aktuelle Studie des Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung zeigt erneut, was viele längst vermuten: Für viele verheiratete Frauen lohnt es sich finanziell kaum, ihre Arbeitszeit auszuweiten. Das Steuersystem belohnt weiterhin das alte Modell – ein Hauptverdiener, ein Zuverdiener. In der Realität heißt das meist: Der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau bleibt in Teilzeit.
So wird Ungleichheit nicht nur hingenommen, sondern strukturell stabilisiert. Und das war historisch durchaus so gewollt: Das Ehegattensplitting stammt aus einer Zeit, in der Politik und Gesellschaft davon ausgingen, dass verheiratete Frauen gar nicht oder nur begrenzt erwerbstätig sein sollten.
Mehr als 1.700 Unternehmen haben einen ungewöhnlich deutlichen Appell an die Bundesregierung gerichtet: Die Energiewende darf nicht ausgebremst werden.
Bemerkenswert ist vor allem, wer diesen Appell formuliert hat. Es sind nicht Umweltverbände oder Aktivistinnen. Es sind Unternehmerinnen und Unternehmer selbst – aus Industrie, Handwerk und Energiewirtschaft. Menschen also, die investieren, Arbeitsplätze schaffen und täglich wirtschaftliche Risiken tragen.
Sie warnen: Eine Abkehr vom Ausbau der erneuerbaren Energien würde enorme wirtschaftliche Chancen verspielen.
Diese Intervention ist politisch bemerkenswert. Denn über viele Jahre wurde die Energiewende gerade aus konservativen Kreisen immer wieder als Belastung für die Wirtschaft dargestellt. Zu teuer, zu ideologisch, zu riskant – so lauteten die Argumente.
Die Wärmewende im Gebäudesektor ist notwendig. Daran gibt es keinen Zweifel. Wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen will, müssen wir auch die Art und Weise verändern, wie wir unsere Wohnungen und Häuser beheizen. Fossile Heizungen werden Schritt für Schritt verschwinden, erneuerbare Technologien werden zur Regel werden müssen.
Doch so richtig und notwendig dieser Weg ist – so sehr stellt sich die Frage, wie gerecht er organisiert wird.
In den vergangenen Jahren wurde über das sogenannte Heizungsgesetz heftig gestritten. Manche Kritik war überzogen oder bewusst populistisch. Aber es gab auch eine ernsthafte sozialpolitische Frage, die bis heute nicht ausreichend beantwortet ist: Wer trägt eigentlich die Kosten der Wärmewende im Mietwohnungssektor?
Denn hier liegt ein strukturelles Problem. Vermieter entscheiden über Investitionen in Gebäude und Heizsysteme. Mieter hingegen zahlen am Ende oft einen erheblichen Teil der Rechnung – über Modernisierungsumlagen oder steigende Nebenkosten. Im ungünstigsten Fall steigt die Warmmiete sogar, obwohl eigentlich Energie eingespart werden soll.
Dass wir in Deutschland über Zuwanderung diskutieren, ist selbstverständlich. Migration verändert Gesellschaften – darüber muss gesprochen werden. Aber bei einer Gruppe sollte eigentlich klar sein, worum es geht: EU-Bürgerinnen und EU-Bürger sind keine Fremden. Sie sind unsere Nachbarn.
Die Europäische Union lebt von der Freizügigkeit. Menschen können arbeiten, leben und ihre Zukunft dort aufbauen, wo sie möchten. Millionen Europäerinnen und Europäer haben sich in den vergangenen Jahren für Deutschland entschieden. Sie arbeiten in Pflegeheimen, in Handwerksbetrieben, in Hotels und Restaurants, auf Baustellen oder in der Logistik. Ohne sie würde vieles in unserem Alltag schlicht nicht funktionieren. Und trotzdem zeigt eine aktuelle Studie: Immer mehr EU-Bürger überlegen, Deutschland wieder zu verlassen. Erstmals seit vielen Jahren ziehen sogar mehr von ihnen weg, als neu kommen.
Mehr als drei Millionen Menschen sind in Deutschland wieder arbeitslos. Monat für Monat pendelt die Zahl um diese Marke. Man kann das als konjunkturelle Delle abtun. Man kann auf bessere Zeiten hoffen. Oder man kann anfangen, endlich über den strukturellen Wandel unserer Arbeitswelt zu sprechen. Denn während wir noch über die aktuellen Arbeitsmarktdaten diskutieren, verändert sich im Hintergrund bereits etwas Grundlegendes: Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Robotik greifen immer stärker in den Arbeitsmarkt ein.
Deutschland muss endlich umdenken. Der Arbeitsmarkt der Zukunft wird nicht durch möglichst viele einfache Tätigkeiten geprägt sein. Er wird wieder stärker geprägt sein durch Qualifikation, Ausbildung und Fachwissen. Gerade im Handwerk wird das besonders deutlich.
Der Alltag vieler Familien in Deutschland sieht heute ziemlich unspektakulär aus – und genau deshalb ist er so aufschlussreich. Kinder fahren mit dem Bus oder laufen zur Schule, Jugendliche sind oft mit Fahrrad oder Bahn unterwegs, und die Eltern steigen morgens ins Auto, um zur Arbeit zu fahren, Besorgungen zu erledigen oder die Kinder zu Aktivitäten zu bringen.
Die große Studie Mobilität in Deutschland, durchgeführt im Auftrag des Bundesministerium für Digitales und Verkehr, zeigt: Das Auto spielt im Alltag weiterhin eine viel größere Rolle, als viele vermuten.
Das überrascht mich ehrlich gesagt nicht. In Zeiten von Klimadebatte und politischer Korrektheit neigen viele Menschen in meinem Umfeld dazu, ihre tatsächliche Autonutzung eher herunterzuspielen. Aber die Realität ist eine andere: Viele Menschen – junge ebenso wie ältere – hängen stärker an ihrem Auto, als mancher erwartet.